- Dec 20, 2025
Ein Weihnachtsgeschenk mit Folgen
- Carina Schaurte
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Als der Wecker um 6 Uhr schellt, reißt er Martina aus dem Tiefschlaf. Die letzten Nächte hat sie kaum mehr als vier Stunden geschlafen. Eine Weihnachtsfeier jagt die nächste. Gut fürs Geschäft, weniger gut für ihre Gesundheit.
Erschöpft rollt sie sich aus dem Bett und versucht, so leise wie möglich aufzustehen. Ihr Mann Sven schläft noch tief und fest. Es ist schließlich Sonntag. Aber an Ausschlafen ist für sie nicht zu denken: Am Abend steht bereits die nächste Veranstaltung an. Zahnarzt müsste man sein, denkt sie, während sie unter die Dusche steigt und hofft, mit einer Wechseldusche wach zu werden.
Während sie das heiße Wasse über ihren Kopf laufen lässt, geht sie die Vorbereitungen für den Abend durch, eine weitere Firmenfeier, bei der sie kleine, individuelle Geschenke auf die Plätze der Mitarbeitenden verteilen soll, jedes mit einer handgeschriebenen Karte, fällt ihr plötzlich ein: Sie hat noch kein Geschenk für ihre Mitarbeiterin Lisa.
Ohne Lisa hätte sie dieses Jahr nicht überstanden. Sie möchte ihre Wertschätzung zeigen, nicht nur mit Worten. Aber womit? Ein Schal? Ein Pullover? Lisa hat einen ganz anderen Geschmack, Martina ist unsicher. Außerdem wäre es wieder nur ein Standardgeschenk. Etwas für die Küche? Schließlich sind sie ein Cateringunternehmen. Doch dann erinnert sie sich: Lisa lebt in einem sehr kleinen Apartment, kaum Platz, nur Herd und Kühlschrank. Sie möchte schon lange umziehen, findet aber nichts Bezahlbares. Weihnachtsgeld einfach so zu geben, fühlt sich für Martina zu unpersönlich an.
Aber beim Gedanken an Geld kommt ihr plötzlich eine Idee.
Sie steigt hastig aus der Dusche, zieht sich an und setzt sich mit einem starken Kaffee an den Laptop. Das Haus schläft noch, sie hat vielleicht eine Stunde, bevor die Kinder aufwachen. Sven hat versprochen, sich heute um sie zu kümmern und mit ihnen auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, damit Martina alles in Ruhe vorbereiten kann – aber noch schläft auch er tief und fest.
Martina tippt: „Online-Kurse Finanzwissen für Frauen“.
Was folgt, ist eine schier endlose Liste. Schon länger ist ihr auf Instagram aufgefallen, wie viele Finfluencerinnen und Angebote rund um Female Finance es inzwischen gibt. Aber wie soll man da das Richtige finden?
„Reich in sechs Monaten.“
„Nach diesem Kurs musst du nie wieder arbeiten.“
„Mit dieser Aktienstrategie bin ich zur Millionärin geworden.“
Martina ist schockiert. Nach allem, was sie in den letzten Monaten gelernt hat, weiß sie: Reich über Nacht gibt es nicht.Vermögensaufbau braucht Zeit, Struktur und Diversifikation, was auch immer das im Detail bedeutet. Sie sucht weiter, klickt sich durch Webseiten, liest Bewertungen. Doch die Unsicherheit bleibt: Bringt das wirklich etwas? Oder ist es nur gut gemachtes Marketing?
Entmutigt schließt sie den Laptop. Vielleicht muss sie sich doch ein anderes Geschenk überlegen. Ein Blick auf die Uhr reißt sie aus den Gedanken, es ist Zeit, mit den Vorbereitungen für den Abend zu beginnen.
Der Tag vergeht wie im Flug. Die Idee mit dem Finanzkurs hat sie fast schon wieder vergessen, als sie abends an der Bar ein Gespräch zweier Frauen mitbekommt.
„Es ist wirklich unglaublich, wie sehr wir immer noch benachteiligt sind“, sagt die eine, eine blonde Midvierzigerin, empört und nippt an dem Cosmopolitan, den Martina gerade serviert hat. „Wusstest du, dass Frauen bei Banken systematisch mehr bezahlen?“
„Tja“, antwortet die andere, vermutlich ein paar Jahre jünger mit braunen langen Locken, „noch ein Grund, die Finanzen lieber den Männern zu überlassen. Oder kümmerst du dich selbst darum? Ich bin ehrlich gesagt froh, das Thema an meinen Mann ausgelagert zu haben. Mit Job, Kindern und Haushalt habe ich genug zu tun.“
Martina stockt. Auch die Gesprächspartnerin wirkt irritiert.
„Das ist nicht dein Ernst“, hakt sie nach. „Dir ist schon klar, dass du im Ernstfall komplett abhängig bist? Und was ist mit deiner Altersvorsorge? Sich auf den Mann zu verlassen, ist doch heute keine Lösung mehr.“
Martina kann die Antwort nicht hören, zwei Männer treten an die Bar. Als sie sich wieder umdreht, hört sie gerade noch:
„Ich habe neulich einen Online-Kurs gemacht. Der war wirklich gut. Keine Verkaufsmasche, kein schnelles Geld. Es ging um Grundlagen, psychologische Fallen und vor allem darum, die richtigen Fragen zu stellen. Echtes Wissen, echtes Enablement. Wenn du willst, schicke ich dir den Link.“
„Ach, lass mal“, winkt die andere ab. „Die sind doch eh alle gleich. Dann kann ich auch gleich ins Casino gehen.“
Martina zögert einen Moment, dann räuspert sie sich.
„Entschuldigen Sie, wenn ich mich einmische“, sagt sie und spürt, wie sie rot wird. „Ich konnte nicht umhin, Ihr Gespräch mitzubekommen. Sie haben von einem Online-Kurs für Finanzwissen gesprochen – dürfte ich Sie nach dem Anbieter fragen? Ich suche genau so ein Weihnachtsgeschenk.“
Die Frau lächelt begeistert.
„Sehr gern. Das ist eine tolle Idee.“ Sie schreibt den Namen auf eine Serviette. „Wissen Sie was – wenn ich darüber nachdenke, könnte ich meiner Schwester auch so einen Kurs schenken. Das ist auf jeden Fall sinnvoller als ein Parfum.“
Martina steckt die Serviette ein.
Manchmal, denkt sie, findet man die besten Antworten genau dann, wenn man aufhört, krampfhaft danach zu suchen.